My Star Guest: Prof. Dr. Schavan
Interview mit Prof. Dr. Schavan
MdB, Bundesministerin für Bildung und Forschung
Was sind für Sie die wichtigsten Ziele, die Sie in den letzten Jahren als Bildungsministerin erreicht haben? Was sind Ziele, die Sie gern noch erreichen würden?
Bei der Weiterentwicklung des Wissenschaftssystems sind wir in dieser Legislatur so gut vorangekommen wie nie zuvor. Das spüren wir auch an Reaktionen aus dem Ausland. Deutschland ist das drittbeliebteste Land für ausländische Studierende. Die Exzellenzinitiative wird weltweit als ein außerordentlicher Modernisierungsimpuls wahrgenommen. Der Etat des Bundesbildungsministeriums ist in den vergangenen vier Jahren um 35 Prozent gestiegen – darin eingeschlossen sind noch nicht die 18 Milliarden Euro für die Fortführung des Hochschulpaktes, der Exzellenzinitiative und für die außeruniversitären Forschungseinrichtungen. Wir haben damit die größte Wissenschaftsinvestition seit sechzig Jahren auf den Weg gebracht. Gerade in der Krise müssen wir verstärkt auf Bildung und Forschung setzen. Deshalb ist für mich auch der Beginn des Bamberger Bildungspanels, das Bildungsbiographien über einen langen Verlauf untersucht, ein wichtiger Meilenstein. Wir werden damit erfahren, unter welchen Bedingungen Bildungsverläufe erfolgreich sind und welche Risikofaktoren es wann gibt. Mit diesen wissenschaftlichen Ergebnissen können wir zu mehr Chancengerechtigkeit im Bildungssystem kommen.
Was ich noch erreichen will, ist ein weiterer Ausbau des Stipendiensystems in Deutschland – gemeinsam mit der Wirtschaft. Wie wir privates Engagement stärker für Bildung und Forschung nutzen können, ist ein Thema, das in den nächsten Jahren ganz oben auf der Agenda stehen wird.
Sind Sie mit der Umsetzung der Reform des Gymnasiums zufrieden?
Die Verkürzung der Gymnasialzeit von neun auf acht Jahre ist eine wichtige Reform, die entscheidend zur Zukunftsfähigkeit des Bildungsstandortes Deutschland beiträgt. Deutsche Hochschulabsolventen sind im internationalen Vergleich zu alt. Dadurch sind sie auf dem internationalen Arbeitsmarkt benachteiligt. Auch die persönliche Lebensplanung wird dadurch beeinflusst. Der Wunsch nach Familie musste oft lange Zeit zurückgestellt werden. Leider verläuft die Umstellung von neun auf acht Jahre Gymnasium an manchen Stellen nicht so reibungslos, wie es im Interesse der Schülerinnen und Schüler wäre. Die Länder sind gefordert, die Anfangsschwierigkeiten so schnell wie möglich zu beseitigen. Alle Beteiligten müssen gemeinsam neue pädagogische Konzepte des Lernens und Lehrens entwickeln.
Was sagen Sie dazu, dass viele Gymnasiallehrerinnen und Gymnasiallehrer unter den Anforderungen dieser Reform leiden?
Diese wichtige Reform kann nur gelingen, wenn alle an einem Strang ziehen und Schule zum Wohl der Kinder und Jugendlichen neu gestalten. Dafür brauchen wir einen breiten Diskussionsprozess über die pädagogischen Voraussetzungen für ein erfolgreiches Gelingen der Reform. Ohne die Lehrerinnen und Lehrer geht das nicht. Sie sind entscheidender Motor für jegliche Schulentwicklung.
Wie stehen Sie zu der Forderung, dass ein Konfliktmanagement-Training fester Bestandteil der Lehrerbildung angesichts des immer rauer werdenden Klimas in den Schulen werden soll?
Es ist wichtig, Lehrerinnen und Lehrer auf Konflikte im Schulalltag gut vorzubereiten. Dabei hilft auch der kontinuierliche, vertrauensvolle Dialog mit allen am Schulleben Beteiligten und sicherlich auch die Erfahrung im Umgang mit kritischen Situationen. Vor allem ist eine gute Beziehung zwischen Schule und Eltern, als ersten Erziehungsverantwortlichen, unabdingbar. Ob Konfliktmanagement-Training zum festen Bestandteil der Lehrerbildung werden soll, müssen die Länder in Abstimmung mit den Hochschulen und Lehrerverbänden entscheiden.
Viele Lehrerinnen und Lehrer beschweren sich über die enorme Zunahme an Verwaltungstätigkeiten, die sie zu verrichten haben. Wie reagieren Sie darauf?
Die Schule der Zukunft wird selbstständiger sein als früher. Jede Schule wird ihre eigene Biographie schreiben. Immer wichtiger werden die konkreten Bedingungen vor Ort, die Situation in der Kommune, der Austausch mit ortsansässigen Unternehmen, Vertretern von Vereinen und der Kirchen. Das kommt der Qualität des Unterrichts und damit der Qualität von Bildung junger Menschen zugute. Auf der anderen Seite bedeutet mehr Selbstständigkeit unter Umständen auch mehr Aufwand in der Eigenorganisation. Es ist Aufgabe der Schulleitung, für eine gute Balance zwischen Verwaltungstätigkeiten und dem eigentlichen Zentrum des Schullebens – dem Unterricht – zu sorgen.
Was sagen Sie zu der Forderung, dass das Erlernen von Soft Skills, wie z.B. im Bereich der Teamarbeit und der Beratung, mehr Raum in der Lehrerbildung einnehmen soll?
In der Schule der Zukunft wird es neue Arbeits- und Unterrichtsformen geben. Wir werden unseren Umgang mit Zeit neu denken müssen. Die Zeiten des ausschließlichen Frontalunterrichts sind vorbei. Die Pädagogik und die Fachdidaktiken haben zahlreiche, spannende neue Unterrichtsformen entwickelt, in denen Schülerinnen und Schüler besser lernen. Insofern ist es richtig, angehenden Lehrerinnen und Lehrern in der Ausbildung sowohl theoretisch als auch praktisch die vielfältigen Möglichkeiten des Unterrichtens zu vermitteln.
Wie kann aus Ihrer Sicht am besten die Berufseinstiegsphase angehender Lehrer gestaltet werden, damit der sogenannte Praxisschock vermieden werden kann?
Es ist wichtig, dass angehende Lehrer bereits in der Ausbildung Kontakt mit tatsächlichem Schulleben haben. Das können Praktika oder Informationsaufenthalte sein. Auch dem Austausch von erfahrenen Kollegen aus der Schulpraxis mit den Lehrenden an den Hochschulen kommt besondere Bedeutung zu. Schule ist kein abgeschlossenes System, sondern muss sich in die Gesellschaft hinein öffnen. Viele engagierte Lehrerinnen und Lehrer geben sehr gern ihr Erfahrungswissen an jüngere Kollegen weiter. Dabei können beide Seiten nur gewinnen.
Prof. Dr. Annette Schavan, MdB
Bundesministerin für Bildung und Forschung
Das Interview führte Dr. Paul Davenport. Er bedankt sich bei der Bundesministerin herzlich dafür, dass Sie trotz Ihres vollen Terminkalenders die Fragen ausführlich beantwortet hat.
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